They’re not talking to you.

Emergency exit
Köln, 20.06.06

Seit Wochen schon habe ich mich an einem bestimmten Thema gestört, wurde aber vor ein paar Tagen - dank eines Artikels in der Süddeutschen Zeitung - ein wenig besänftigt. Trotzdem möchte ich noch einmal aufschreiben worum es mir ging.

Vermutlich schon seit mehreren Jahren lese ich in unregelmäßigen Abständen darüber welche “Gefahren” von gedankenlos im Internet veröffentlichten Partyfotos, Bierbongrekorden etc. für zukünftige Bewerbungsszenarien ausgehen können, da “Personaler” halt auch gerne mal die neuen technischen Möglichkeiten nutzen und Hintergrundinfos über die jeweiligen Aspiranten suchen.

Mir ist bewußt, dass der Umgang mit persönlichen Daten im Internet gerade seitens junger Menschen oft grotesk unverantwortlich geschieht und es in dieser Hinsicht sicherlich einiges an Aufklärungsbedarf gibt. Darüber hinaus gilt, wer im Internet veröffentlicht, veröffentlicht ohne räumliche und zeitliche Schranken, auch wenn es ihm oder ihr in dem Moment nicht gegenwärtig ist und somit unwissentlich in Kauf genommen wird.

Mich hat an diesem Thema bisher immer gestört, dass die potenzielle Internetrecherche seitens der Arbeitgeber als eine Art natürliche Kausalität dargestellt wurde: es ist da, also schauen wir es uns an. In der jeweiligen, mehr oder weniger hypothetischen, Situation wurde die Verantwortung meiner Wahrnehmung nach immer und ohne Einschränkung auf Seiten des “Herausgebers” gesucht.

Ich finde diese Sichtweise zumindest pauschal schwierig nachzuvollziehen und habe mittlerweile den Eindruck, dass dem eine Mentalität in Bezug auf Art und Umgang mit dem Internet zu Grunde liegt, die seltsam abgehoben von offline geltenden Sitten und Regeln scheint.

Eine Recherche über einen Bewerber im Internet stellt eine aktive Suche nach Informationen dar, häufig basierend auf detaillierten privaten Informationen, die zuvor in gutem Vertrauen zur Verfügung gestellt wurden. Dass Informationen einsehbar sind, rechtfertigt jedoch (auch offline) nicht sie einfach so zu nutzen. Auch Informationen, die öffentlich verfügbar sind, sind nicht zwangsläufig als öffentlich angelegt. Sie sind oft vielmehr eine Äußerung innerhalb einer sozial eng gefassten (Peer-)Gruppe. Werden diese Daten nun von einer “externen” Partei eingesehen um sich ein vermeintlich authentischeres Bild einer Person zu machen, stellt dies für mich sowohl einen Vertrauensbruch als auch eine Verletzung der Privatsphäre dar. Die angesprochene Mentalitätproblemtik besteht meiner Meinung nach darin, dass der schnelle und scheinbar hürdenlose Abruf persönlicher Informationen gleichgesetzt wird mit einer vollständigen Legitimation dieses Vorgangs. Der einzige Unterschied zur realen Welt besteht letztendlich aber einzig im Aufwand, der betrieben werden muß um an private Details zu gelangen. Auch offline ist jeder Mensch oft eine öffentliche Person. Wir generieren frei verfügbare Informationen über uns sobald wir das Haus verlassen.

Das Internet ist nicht nur kein rechtsfreier Raum, es ist vielmehr auch ein Raum in dem alle grundlegenden Rechte und unausgesprochenen Regeln, die das Fundament einer freien Gesellschaft bilden, gelten. Sollten.
Wie in der SZ zu lesen ist, wird diesem Gedanken bald wenigstens auf dem Papier Rechnung getragen:

“Ausdrücklich verboten ist dieses Vorgehen zwar nicht”, sagt Martina Perreng, Arbeitsrechtexpertin beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). “Ich halte es aber für sehr problematisch.” Im September tritt eine Novelle des Bundesdatenschutzgesetzes in Kraft, die sich speziell an Arbeitgeber wendet. Da heißt es: “Personenbezogene Daten eines Beschäftigen dürfen für Zwecke des Beschäftigungsverhältnisses (…) genutzt werden, wenn dies für die Entscheidung über die Begründung eines Beschäftigungsverhältnisses (…) erforderlich ist.”

Süddeutsche Zeitung

Das hier angesprochene Thema ist vermutlich nur ein weiteres Symptom des Konflikts zwischen einem neuen Medium und einem traditionellen Verständnis von Öffentlichkeit. Früher war die Herstellung von Öffentlichkeit institutionalisiert, heute ist sie je nach Standpunkt demokratisiert oder anarchisiert. Ein ähnliches Phänomen wird in einem Artikel angesprochen, aus dem ich den Titel übernommen habe.

Im Kern geht es hier aber noch um ein anderes Thema, welches ich nur erwähnen möchte.
Menschen verändern sich im Laufe ihres Lebens. Das mag an sich eine völlig triviale Erkenntnis sein, doch werden die permanenten Momentaufnahmen ihrer Identität im Internet manche vermutlich für immer verfolgen.

How To Lose Friends & Alienate People

Im Sommer 2007 war ich für ein Wochenende “Rock am Ring”-Insasse. Normalerweise gilt zwar: was bei “Rock am Ring” passiert, bleibt bei “Rock am Ring” (und darüber hinaus gilt natürlich auch: wer sich dran erinnert, war nicht dabei). Als ich aber nach dem Festival vier kurze Videos junger Darwin Award Aspiranten auf meiner Kamera fand, konnte ich nicht umhin diese Videos in diesem Internet bei Youtube zu veröffentlichen und mich im Laufe der Jahre an debilen Kommentaren zu erfreuen.

Im Laufe des heutigen Tages nun hat wohl ein großer Medienkonzern, dessen Namen ich hier mal sicherheitshalber nicht erwähne (Gewinn 2008: 14,6 Milliarden US$), bei Youtube eine Urheberrechtsbeschwerde eingelegt und die Löschung eines der vier Videos erreicht. Diesen Vorgang habe ich aber erst bemerkt, nachdem ich mich einige Minuten darüber wunderte, dass ich kein einziges Youtube-Video aus meinem Feedreader abspielen konnte. Kaum war ich bei Youtube selber, prangte dort ein großer roter Bildschirm, der mich über den Vorgang informierte und mir einen Klick auf “Ich bestätige” abforderte, bevor ich Youtube weiter (eingeloggt) nutzen konnte. Freundlicherweise wurde ich noch auf eine hochinformative Seite mit Tipps zum Urheberrecht hingewiesen und es wurde mir die Möglichkeit eingeräumt eine Gegendarstellung einzureichen.

Naiv wie ich bin, dachte ich mir: “den Stress gibste dir nicht, löschte das Video halt”. Aber es war natürlich schon weg.

Ich schreibe dies auf, weil ich den Ablauf aus drei Gründen bemerkenswert finde: Erstens wird mir nicht mitgeteilt worin die Urheberrechtsverletzung konkret besteht, zweitens wird ohne irgendeine “Anhörung” meinerseits das Video einfach gelöscht und drittens liegt die Beweislast ohne Kenntnis meines Vergehens daher nun bei mir.

Mir sind die Beweggründe in allen Punkten relativ klar (1: vermutlich lief im Hintergrund(!) ein Lied an dem der Medienkonzern die Rechte besitzt, 2: Youtube geht größeren Klagen aus dem Weg, indem Inhalte “präemptiv” entfernt werden, 3: siehe 2) und doch finde ich den Vorgang sehr interessant, da ich zum ersten Mal persönlich mit der Durchsetzung der Urheberrechte seitens eines großen Medienunternehmens in Berührung komme.

Mir stellen sich dazu Fragen: Kann ein Rechteinhaber die Löschung jeglicher Videos bei Youtube einfordern bzw. werden die Inhalte von Youtube überhaupt geprüft? Können Videos bei denen im Hintergrund Musik läuft, generell eine Urheberrechtsverletzung darstellen (Grauzone?)?

Nunja, ich werde natürlich keine Gegendarstellung abgeben, mich somit der Weisheit der Rechteobrigkeit fügen und abwarten wie lange die anderen Videos noch online sind.

Theodyssee

Die Theodizee [ˌteodiˈt͜seː] (frz. théodicée, v. altgriech. θεός theós „Gott“ und δίκη díke „Gerechtigkeit“) ist ein klassisches philosophisches und theologisches Problem für diejenigen religiösen Traditionen, die von der Existenz eines allmächtigen, allgütigen und allwissenden Gottes ausgehen. Es besteht in der Frage, wie die Existenz eines solchen Gottes mit der Existenz des Übels oder des Bösen in der Welt vereinbar sei.

Theodizee, Odyssee, Wikipedia

Kontrollillusion

Vermutlich ist es noch zu früh die mediale Nachlese zum Amoklauf in Winnenden zu kommentieren. Zu nah ist die menschliche Tragödie, die anscheinend auch ein gesellschaftliches Versagen impliziert. Und zu unreflektiert und emotional getrieben sind die ersten Kommentare (verständlicherweise), die sich bisher in den Medien finden.
Aber der Vorbehalt, den ich hier äußere, ist gleichzeitig das Problem. Es erscheint allzu menschlich im Angesicht einer Katastrophe schnell Gründe zu erfragen um Unerklärliches erklärbar zu machen. Vorschnelle und simple Erklärungsmuster bieten sich an, ja drängen sich mitunter auf.
In diesem Zusammenhang ist mir eben eine Argumentation aufgefallen, die mir sehr bekannt vorkommt:

Fernab dessen müsse zudem geklärt werden, ob Tim K. Killer- und Gewaltspiele auf dem Computer gespielt habe: “Nicht jeder Nutzer macht einen Amoklauf, aber ein hoher Anteil unter den Amokläufern hat Killerspiele genutzt”, so Beckstein zu SPIEGEL ONLINE: “Da sollten wir nachbohren.”

Günther Beckstein, Spiegel Online

Mir geht es nun nicht um die Frage ob so genannte Killerspiele gewaltätiges Verhalten fördern, sondern um die Art wie hier argumentiert wird. Ähnliches findet sich beispielsweise auch in “Bowling for Columbine” in Bezug auf Marilyn Manson:

Some will be so brash to ask if we believe that all who hear Manson tomorrow night will go out and commit violent acts. The answer is “no.” But does everybody who watches a Lexus ad go and buy a Lexus? No. But a few do.

Bowling For Columbine, YouTube Link

Durch diese Form der Argumentation wird der Konsum bestimmter Medieninhalte als eine Ursache für Gewaltaten dargestellt und nicht - was ich für plausibler halte - als Symptom. Die Verbindung zwischen einem Gewaltakt und einem vermeintlich singulären Einfluss führt zur Dämonisierung des zuvor benannten Auslösers mit dem impliziten Ziel eine einfache Erklärung zu bieten. Als Lösung drängt sich zwangsläufig auf, diese gewaltverherrlichenden Einflüsse auszuschalten und auf diesem Weg Prävention zu betreiben. Werden jedoch Lösungsansätze wie diese gewählt, ergibt sich daraus eine zunehmende Zensur und darüber hinaus wird der der Blick auf die wahren Ursachen verstellt.
Die Gesellschaft verliert doppelt. Und langfristig exponentiell.

Hope Over Fear

On this day, we gather because we have chosen hope over fear, unity of purpose over conflict and discord.

Barack Obama, 2009

They who can give up essential liberty to obtain a little temporary safety, deserve neither liberty nor safety.

Benjamin Franklin, 1775

Ja.

Ego To Spend

twitter
Twitter, 18.01.09

Wann auch immer ich einen neuen Trend im Internet entdecke, bin ich normalerweise spät dran und dann zögere ich auf den Zug aufzuspringen. Ich rede hier von mehreren Jahren.
So erging es mir beispielsweise mit Flickr und nun auch mit Twitter (ich vergess dauernd das “e”). Das Konzept hinter Twitter erschien mir immer völlig sinnbefreit. Warum Micro-blogging in Zeiten von Email und normalen Blogs?

Now that I’ve met you
would you object to
never seeing each other again
cause I can’t afford to
climb aboard you
no one’s got that much ego to spend

Aimee Mann - Deathly

Aber die Frage nach dem “warum” ist wohl wie so oft nicht von Bedeutung.
Und deswegen zwitschere ich jetzt. Ich weiß nur noch nicht wie.

Und - ja - Mallory ist da oben gestorben.